Abschied vom Gemeindehaus in Lichtenberg

Abschied vom Gemeindehaus in Lichtenberg

Abschied vom Gemeindehaus in Lichtenberg

# Erwachsene

Abschied vom Gemeindehaus in Lichtenberg

So schwer war der Karfreitag in unserem Gemeindeteil Lichtenberg lange nicht mehr. Nach über einhundert Jahren haben wir uns vom Gemeindehaus verabschiedet. Es war der ausdrückliche Wunsch der Lichtenbergerinnen und Lichtenberger den Abschied nicht etwa mit einem fröhlichen Fest im Sommer zu begehen, sondern den schwärzesten Tag des Kirchenjahres dafür auszusuchen. Alte Damen aus dem Dorf haben dunkle Trauerschleifen ans Geländer gebunden. Sie wissen es noch aus eigener Erinnerung: Als kurz vor Kriegsende das ganze Dorf beschossen wurde, diente das Gemeindehaus als Notübernachtung für Nachbarinnen und Nachbarn. Fast alle Menschen aus Lichtenberg können eine Lebensgeschichte erzählen: Nahezu alle kirchlichen Ehen seit 1945 wurden hier geschlossen. Kinder haben sich zur Christenlehre getroffen und der Posaunenchor zur Probe. Ein Begegnungsort in unserer Mitte wurde nun entwidmet: Fortan werden hier keine Gottesdienste mehr stattfinden.

Auszug aus der Abschiedsrede: "Viele Menschen verbinden Erinnerungen mit diesem Ort. Hier wurden Gottesdienste gefeiert. Hier sind Menschen getauft, konfirmiert, kirchlich getraut worden. Hier wurden Menschen verabschiedet. Hier wurde gebetet, geklagt. Hier haben Menschen Trost gefunden und Hoffnung geschöpft, miteinander gefeiert, gesungen und gelacht. Im Angesicht Gottes.

Wir nehmen Abschied. Wir schauen zurück auf das, was war. Auf das, was uns bewegt. Auf das, was uns trägt und was wir erhoffen. Mit dem Segen am Ende des Gottesdienstes ziehen wir aus diesem Gebäude aus. Wir schließen die Türen und bitten Gott um Begleitung auf dem Weg, der vor uns liegt. Denn das sind wir jetzt hier in Lichtenberg: Gemeinde auf dem Weg. Mehr noch als zuvor. Ohne ein Dach über dem Kopf. Ohne feste Wände und beheizbare Räume.

Ich lese uns aus dem Buch des Predigers im 3. Kapitel: Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit. Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, dass sie sich damit plagen. Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende. (Prediger 3,1-4.10-11) Amen"

Gott, wir nehmen Abschied von unserem Gemeindehaus und damit auch ein bisschen von unserer Idee von Kirche. Wir trauern darum, dass wir nicht mehr in der Lage sind, die Häuser zu erhalten, die unsere Vorfahren voller Hoffnung und voller Zuversicht gebaut haben. Wir trauern darum, dass zeitgleich an anderer Stelle Geld investiert wird, aber nicht hier. Wir trauern darum, dass viele unserer eigenen Kinder und Enkel ihre Zelte bei Dir abbrechen, Gott und uns zurücklassen mit den Trümmern und Ruinen der Ideen einer vergangenen Zeit.

Alle Erinnerungen und Wünsche, alle Sorgen und Hoffnungen, die sich mit diesem Abschied verbinden, legen wir in Deine Hand. Du, Gott, bist Lebensraum für alle Menschen. Zu dir beten wir für alle, die mit diesem Haus verbunden sind, für alle, denen das Herz beim Abschied weh tut. Wir beten für alle, die hier Gottesdienste gefeiert haben, für alle, die hier gesungen und gebetet haben, für alle, die hier gesegnet wurden. Wir beten für alle, die hier getauft wurden, Christenlehrestunden erlebt haben, für alle, die hier konfirmiert wurden, für alle, die hier Hochzeit gefeiert haben und für alle, die hier Abschied genommen haben von ihren Toten. Wir beten für alle, die hier Veranstaltungen besucht haben, Kaffee trinken im Advent, Sitzungen, Bläserchorproben, für alle, die den Klang der Instrumente genossen haben, für alle, die dieses Gemeindehaus als einen Ort der Gastfreundschaft aufgesucht haben. Wir beten für alle, die hier ihre Arbeit getan haben.

Wir beten für alle, die hier ein- und ausgingen, für alle, die hier enttäuscht wurden, für alle, die hier Trost und Hilfe erfahren haben. Wir beten für die Toten, deren Namen hier genannt wurden, für alle, die wir heute vermissen.

Wir glauben, Dinge werden wahr, Gott, wenn man sie oft genug sagt und so behaupten wir Deine Auferstehung wider jede Vernunft. Noch am dunkelsten Tag Deiner Geschichte lebt diese Hoffnung in uns und lässt sich nicht abstreifen wie die Haut einer Schlange, sondern füllt uns ganz aus. Unter dem schwarzen Himmel ist heute etwas zerbrochen: die Verbindung zwischen Gott und Mensch. Dein Tod zerreißt uns das Herz. Sticht wie Dornen in die Haut und doch wissen wir, es haben die Dornen Rosen getragen. So bitten wir Dich, Gott, geh mit uns. Führe uns auf neue Wege und begleite uns mit deinem Segen. Amen.

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