Brennnesselfrühling

Brennnesselfrühling

Brennnesselfrühling

# Monatsgruß

Brennnesselfrühling

Die Brennnessel gehört zum März wie der noch kalte Wind und die ersten zaghaften Sonnenstrahlen. Sie wächst früh und unscheinbar und dort, wo sie in Ruhe gelassen wird, breitet sie sich schnell aus. Wenn ich als Kind mit meinen Freundinnen im Wald oder am Bach gespielt habe, warnten wir uns gegenseitig vor den Brennnesseln und versuchten, sie bloß nicht zu berühren. Natürlich passierte es trotzdem immer wieder, dass eine von uns die Pflanzen mit dem Ellenbogen oder dem nackten Fuß streifte. Eine unbedachte Bewegung, ein Schreck – dann das brennende nesselnde Gefühl. Die Haut rötete sich und bildete Pusteln. Gemeinsam haben wir dann nach Mitteln gegen den Schmerz gesucht. Kaltes Bachwasser linderte den Schmerz nur kurz, um ihn wenig später umso stärker zurückzubringen. Das gleiche galt für Matsch, der großflächig auf die Haut aufgetragen wurde. Ein anderes Mittel war zerkauter Spitzwegerich, fixiert mit einem Verband aus Farn und Blättern. Jede von uns hatte immer wieder neue Ideen, wie die Haut schnell geheilt werden könnte, aber nichts davon half wirklich. Was aber half war das gemeinsame Aushalten. Dass eine da war, die den Schmerz ernstnahm und nicht kleinredete. Dass das Spiel unterbrochen wurde, um alle für eine den Schmerz zu lindern.

Die Passionszeit knüpft an solche Erfahrungen an. Sie erinnert daran, dass Schmerz und Verletzlichkeit zum Leben gehören. Trauer, Krankheit und Selbstzweifel lassen sich nicht einfach umgehen. Sie streifen uns, während wir uns auf Anderes, aufs Leben, konzentrieren und stechen uns schmerzhaft. Und es gibt kein schnelles Mittel sie loszuwerden. Auch Jesus ist ihnen nicht ausgewichen. Er hat sie nicht überspielt oder kleingeredet. Er ist den Weg gegangen, der wehgetan hat – aus Liebe zu den Menschen. Die Passion erzählt nicht von einem Gott, der unberührt bleibt, sondern von einem Gott, der den Schmerz kennt und aushält. Und eine Perspektive darüber hinaus bereithält. Der erste Petrusbrief spricht von „Gottes lebendiger Hoffnung“ (1.Petrus 1,3). Er meint damit das neue Leben, das den Christ:innen durch die Auferstehung Jesu geschenkt wurde. Der Blick auf den Ostermorgen, der ebenso zuverlässig seine Erfüllung findet wie der Karfreitag. Auch das steckt in den frischen zarten Trieben der Brennnessel im Frühling. Das neue Leben, die aufblühende Saat, die nicht vergeht. So war auch für uns ein weiteres Mittel gegen den Schmerz der Brennnessel die Weisheit, die wir unseren Großeltern nachgeplappert haben: Das hilft gegen Rheuma. 

Anna Seidel

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