Das war der Simson-Gottesdienst in Hohenwalde!

Das war der Simson-Gottesdienst in Hohenwalde!

Das war der Simson-Gottesdienst in Hohenwalde!

# Erwachsene

Das war der Simson-Gottesdienst in Hohenwalde!

Wenn der Motor hochjubelt und der Wind unters Visier fährt, ist das der Soundtrack von sowas wie Freiheit. Ein kurzer Dreh am Gasgriff und der Alltag ist weit weg. Viele von uns kennen das seit Jahren und Generationen. Die alte Simme vom Vater, liebevoll gepflegt, immer wieder repariert und weitergegeben, ist nicht nur ein Fahrzeug, sondern eine ganze Geschichte auf zwei Rädern. 


Beim Simsongottesdienst am 7. Juni 2026 in Hohenwalde haben wir innegehalten zwischen den Kilometer auf dem Tacho und uns gefragt: Was trägt uns eigentlich im Leben? Was treibt uns an? Was hält uns in der Spur, wenn der Weg mal holprig oder sandig ist, sichtbar und unsichtbar?


Manche Dinge sind länger schick als man so denkt. Glaube, Vertrauen, Gemeinschaft werden weitergegeben wie ein gutes Stück Technik, das Generationen überdauert. Verbinden uns mit denen, die vor uns waren und mit denen, die nach uns fahren werden.


So viele sind gekommen, mit Schwalbe, MZ oder Hühnerschreck, mit ihren alten Geschichten und neuen Fragen. Und wir haben gemeinsam aufgetankt, diesmal nicht mit Benzin und Zweitaktöl, sondern Hoffnung, Mut und Segen.

Unsere Pfarrerin Susanne Noack mit ihrem Kollegen Pfarrer Martin Liedtke, der mit einer Gemeindegruppe extra aus Lübben angereist ist und dabei tapfer Regen und Wind trotzte!

Liebe Simsongemeinde!

Unser Moped bringt Menschen zueinander. Wenn in Hohenwalde einer schieben muss, weiß es das ganze Dorf. Dann stehen sie bald beieinander und philosophieren. Es geht dabei selten um Tuning, sondern oft um die Frage: Warum läuft sie heute nicht? „Gestern sprang sie noch an!“ Die Fehlersuche beginnt: Zündung, Vergaser, Kraftstoff? Warum stottert sie? Warum nimmt sie kein Gas an? Dann reden sie hier über ihre Mopeds wie über ihre Geliebte. Wenn der Nachbar schimpft, dass die Jugend wieder über die Dorfstraße heizt, sagt einer: Du warst doch auch mal jung! Und beim nächsten zornigen Blick über den Gartenzaun reicht schon der erhobene Zeigefinger. Die Alten sind sich einig: Wir waren doch alle mal jung.

Wenn ich überlege, was die Generationen heute verbindet, fällt mir nicht viel ein: der düstere Blick in die Zukunft vielleicht oder das Zetern über die politische Lage. Wenn ich etwas Positives nennen müsste, lande ich bei uns hier im Osten schnell bei Simson. Woran sonst schrauben Alte und Junge, Männer und Frauen, in Stadt und Land? Informieren sich gegenseitig oder ermutigen sich in den Garagen und Internetforen: „Nicht aufgeben! Das Problem hatte ich auch schon.“ Wie selbstverständlich pflegen wir die Kultur der gegenseitigen Hilfe. Erinnern uns gemeinsam an den ersten Sturz, ans Antreten üben und an vorsichtige Fahrversuche über holprige Feldwege. Simson verbindet Generationen.

Aber da fällt mir doch noch etwas anderes ein: Auch der Glaube verbindet uns mit den Menschen, die vor uns da waren. In den Familien wird er weitergegeben wie ein gutes Stück Technik. Staubt manchmal über Jahrzehnte vor sich hin, im hintersten Winkel der Garage oder auf dem Scheunenboden und wird dann wieder hervorgeholt wie ein Schmuckstück. An dies und das hat sich schon meine Oma gehalten! Und ihre Oma auch. Dann wird entstaubt, entrostet und poliert. Manche Teile müssen ersetzt werden. Nicht alles passt in jede Zeit. Und auch beim Glauben gibt es Dinge, die uns heute vielleicht zu unpraktisch sind.

Wer den Glauben ansieht, wie eine Simson, spricht über ihn wie über die Geliebte: Gestern war ich noch sicher, heute zweifle ich. Gestern hat er mich getragen. Heute spüre ich ihn kaum noch. Was ist passiert? Was braucht es, damit neues Vertrauen wachsen kann? Wer an Gott glaubt, muss nicht so tun, als würde immer alles rund laufen. Er darf wie ein Motor stottern und dabei fragen, suchen, zweifeln. Er darf dabei darauf vertrauen, dass Gott ihn nicht aufgibt. Wer etwas wirklich liebt, kennt die Macken, die damit verbundenen sind, kümmert sich darum und gibt es nicht beim ersten Problem auf. Ein Simsonfahrer sagt nicht: "Sie ist kaputt, ich verschrotte sie." Er sagt: "Irgendetwas stimmt nicht. Das finden wir raus."

Die Familie Simson aus Suhl war eine gläubige Familie. Bodo Ramelow, Vizepräsident des Deutschen Bundestages und ehemaliger Ministerpräsident von Thüringen, erzählte im Gottesdienst davon in einem eigens für uns aufgenommenen Videogruß. Für ihren Glauben sind viele Mitglieder der Familie ins Konzentrationslager gegangen und wenige ausgewandert. Die Simsons waren Jüdinnen und Juden wie Jesus. Ihr Name ist der Name eines biblischen Helden, von dem im Gottesdienst ausführlich berichtet wurde.

Simson aus der Bibel ist genau wie unsere Mopeds robust und stark und damit irgendwie ein Symbol ewiger Jugend. Er tötet einen Löwen mit bloßen Händen. Während hier und da Westfahrzeuge in den Schrott wandern, fährt die S51 knatternd vorbei. Wir fahren keine 120, aber dafür konstant und das über Jahrzehnte.

Die Simson-Geschichte zeigt, was passiert, wenn ein Mensch das, was ihm von Gott geschenkt wurde, nur für sich nutzt und nicht für die Gemeinschaft. Die Frage, die uns im Zusammenhang mit seiner Geschichte beschäftigt, ist nicht die Frage nach seiner Stärke, sondern danach, wo diese Stärke herkam. Simson erhält seine Kraft von Gott, aber verlässt sich immer mehr nur auf sich selbst. Dabei wissen wir doch: Kein Mensch ist unverwundbar. Und keiner steht nur für sich alleine. Niemand hier hält sein Fahrzeug ganz alleine am Laufen. Wir brauchen einander, brauchen Ratschläge und Ermutigungen, Ersatzteile und Spezialwissen.

Auch unser Glaube ist keine Einzelleistung. Wir brauchen Menschen, die uns begleiten. Es ist der Glaube meiner Oma und ihrer Oma auch. Sie haben beide schon gewusst, wie das ist, plötzlich zu zweifeln. Sie haben Wege gefunden. Gegen den zornigen Blick hinterm Gartenzaun hilft manchmal die Erinnerung an etwas, das wir gemeinsam haben. Wir waren alle mal jung. Unser Leben wurde uns geschenkt. Jetzt dürfen wir was draus machen. Dürfen mutig sein und wild, können das gemeinsame Zetern einstellen und einfach was Schönes tun: zusammen schrauben, philosophieren, Gottesdienst feiern und über holprige Feldwege heizen. Die Geschichte Simsons erinnert uns daran, dass auch unser Leben eine Quelle braucht, die uns trägt. Oder wie beim Propheten Jesaja steht: „Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft.“  (Jes 40, 31) Amen

Tausend Dank an die vielen engagierten Leute aus Hohenwalde, die nicht nur diesen Gottesdienst ermöglicht haben, sondern ein fantastisches kleines Rahmenprogramm gestemmt haben. Wir hatten Musik, Getränke, Grillwurst und nach einem kurzen Schauer sogar auch richtig gutes Wetter. Das Medieninteresse am Gottesdienst war sehr groß. Anscheinend trifft das Thema in die Herzen von ganz vielen.

Gott, in der Spannung von Freiheit und Gefahr leben wir. Du hast uns mitten hineingesetzt und rufst uns zur Verantwortung. Wir haben das Leben geschenkt bekommen und den Glauben an Dich. Er verbindet uns wie das Moped mit denen, die vor uns da waren und denen, die nach uns kommen werden. Bei allen politischen Unterschieden zwischen uns sollen der Hass und die Ausgrenzung nie die Oberhand gewinnen. Im Gegenteil verpflichtet uns Dein Geschenk des Lebens und der Freiheit zu Liebe und Demut. Unsere Kraft kommt von Dir. Mit Deiner Hilfe pflegen wir auch weiterhin eine Kultur der gegenseitigen Hilfe und zwar über unsere Simsons hinaus. So können wir mit den Mopeds in eine Zukunft fahren, die nicht düster ist, sondern hell und weit. Amen

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